Projektfakten

Projektstatus:
Bewilligt

Kurzbeschreibung:
Die Grundidee ist, soziale Innovationen als wesentlichen Bestandteil der Regionalentwicklung in der Lausitz in enger Verzahnung mit technischen Innovationen zu thematisieren und zu erforschen. Kann es gelingen, eine inklusive regionale Innovationsstrategie zu konstruieren, die technisches und soziales Lösungspotenzial adressiert?

L&T Innovationsbereich:
Attraktive Lebens- und Arbeitswelten

beantragte Projektsumme:
255.120,00 € (BMBF-gefördert)

Laufzeit:
01/2024 - 12/2025

Projektkoordination:
Hochschule Zittau/Görlitz
Dr. Julia Gabler
j.gabler@hszg.de

AQVA Synergy GmbH
Christoph Steffan
christoph.steffan@aqva.de

Partnerinstitutionen

Hintergrundinformationen zum Projekt

Sozial vs. technisch oder wie kommt zusammen, was zusammengehört?

Was führt dazu, dass die Lausitzer Strukturwandelprojekte vor allem auf wirtschaftliche und technologiegetriebene Entwicklungen setzen und die komplexen Zielkorridore von Nachhaltigkeit in der ökologischen und sozialen Dimension in der „Lausitz als Modellregion“ schwach adressiert und nur einige wenige Nachhaltigkeitsziele (sustanaible development goals, kurz SDG) berücksichtigt werden (Retkowski 2021)? Wie kommt es zur Trennung technisch-technologischer (TI) und sozialer Innovationen (SI) in den allermeisten geförderten Strukturwandelprojekten in der (Ober-)Lausitz?

 

Kernziel ist, soziale Innovationen als wesentlichen Bestandteil der Regionalentwicklung in der Lausitz in enger Verzahnung mit technischen Innovationen zu thematisieren und zu erforschen. Kann es gelingen, eine inklusive regionale Innovationsstrategie zu konturieren, die technisches und soziales Lösungspotenzial adressiert?

 

Soziale Innovationen thematisieren die „Neukonfiguration sozialer Praktiken“ (Howaldt, Schwarz 2010: 89). Sie sind gesellschaftliche Erfindungen, die konkrete soziale Bedürfnisse und Herausforderungen thematisieren, die im etablierten Handlungsmodus nicht mehr befriedigend gelöst werden. Beispielsweise können Mobilitätsherausforderungen in ländlichen Regionen durch eine öffentliche Mitfahrerbank ebenso als neuartige Lösung gelten, wie die dezentrale Energieversorgung in einem genossenschaftlich-organisierten Bürgerheizkraftwerk. Technische Lösungen für ökologische und soziale Nachhaltigkeit berücksichtigen und kombinieren sozialinnovative und technische Dimensionen, um gesellschaftliche Bedarfe zu adressieren. In der Folge werden Gemeinschaftssinn und Gemeinschaftsnutzen vor Ort gestärkt und das Gemeinwohl erhöht. Diese gesellschaftliche Werte, die neben einem ökonomischen Nutzen erstrebt werden. Wie eine Lösung entsteht, und ob sie sich durchsetzt, ist von verschiedenen Parametern abhängig: Akteure, Ressourcen, Bewertung von Nutzen und Aufwand, Nachfrage und Gelegenheitsstrukturen etc.

 

Ziel des Projektes

 

Das Ziel ist es, die Bedeutung sozialer Innovationen für die Wirtschafts- und Gesellschaftsentwicklung im regionalen Strukturwandel akteurnah zu rekonstruieren und sowohl Hindernisse zu identifizieren, die ihre Reichweite einschränken, als auch befördernde Faktoren für ihren Erfolg und ihre Verbreitung zu bestimmen. Auf diesen Erkenntnissen aufbauend werden in Kooperation mit dem jungen Zittauer Unternehmen AQVA Synergy die praktischen Bedarfe von sozialen Innovationen identifiziert, die in technisch-ökonomischen Innovationsprozessen nachhaltiger Energieversorgung in regionalen Wertschöpfungsketten entstehen. Z.B. Fachkräftebedarf, attraktives Arbeitsklima und neue Arbeitsmodelle u.a. für Frauen im MINT-Bereich sowie Partizipation von Stakeholdern in der Technologieentwicklung. Das forschungsbasierte Wissen zu den sozialen Innovationen wird in der Transferphase entlang der formulierten Bedarfe in konkrete Instrumente übersetzt. Ziel ist es, ein experimentelles Vorgehen zur Verknüpfung der verschiedenen Innovationsweisen zu entwickeln und in der Praxis zu erproben.

 

Ziel ist es auch, die Offenheit regionalen Akteure gegenüber komplexen Innovationen zu stärken. Dazu werden die Praxis- und Anwendungsfälle in der Region sowie innerhalb der WIR-Bündnisse zur Verknüpfung von sozialen und technischen Innovationen durch die Forschung für den Transferaufbereitet. Hierdurch sollen, Innovationskompetenzen und -fähigkeiten erschlossen und aufgebaut sowie zur (Weiter-)Entwicklung von komplexen innovativen Projektideen gefördert werden, die technisch-ökonomische und sozial-ökologische Dimensionen miteinander verzahnen.

 

Stand der Wissenschaft und Technik

 

Die soziale Praxis der Innovationskultur prägt in der Energieregion Lausitz ein Verständnis von Innovationen als technische Erfindung. Gleichzeitig werden soziale und sozialökologische Innovationsbedarfe gerade durch die Dominanz einer technisch orientierten Innovationskultur überblendet oder abgeschnitten. Dies ist keine Besonderheit der Lausitz, sondern auf die Dominanz technischer Heilsversprechen in der Moderne zurückzuführen (Eversberg et al. 2023) und findet sich daher auch in anderen, altindustriellen und (semi-)peripheren Regionen. Die notwendige Nachhaltigkeitstransformation erfordert aber – und zwar immer unter konkreten regionalen bzw. lokalen Bedingungen – die Verknüpfung technisch-technologischer, ökonomischer und sozialer bzw. kultureller Innovationsdimensionen (Hofmeister et al. 2021).

 

Eine zentrale Herausforderung ist die gezielte Erforschung und Entwicklung von sozialen Innovationen im Allgemeinen (Howaldt 2014). Dies ist einerseits auf diffuse und disziplinär geformte sowie gesellschaftlich normierte Innovationsbegriffe zurückzuführen, andererseits auch auf die konkreten und vielfältigen Konstellationen und Bedarfe von sozialen Innovationen, die selten eins zu eins übertragbar sind sowie ihre un-/sichtbaren Verwertungsketten: „Die Reflexion langfristiger Wirkungen sozialer Innovationen ist ein relativ junges Thema, das aber auf ein wachsendes Interesse stößt.“ (Streicher et al. 2020) Aus der Technikfolgenabschätzung (TA) wissen wir, dass oft mangelnde Berücksichtigung sozialen Innovationsschritte oder Demokratisierung zu begrenzten Reichweiten oder Akzeptanzproblemen führen kann (Böschen et al. 2021; Böschen und Sigwart 2020)

 

Die zunehmende Bedeutung der Forschungsperspektive für die Weiterentwicklung der Innovations- und Technikanalyse (ITA) wird im Vorhaben explizit adressiert und die theoretisch-konzeptionellen Ansätze systematisiert. Damit tragen wir auch der notwendigen methodisch-prozessualen Ausrichtung auf Inter– und Transdisziplinarität Rechnung (Mildenberger et al. 2020; Böschen 2020). Sie ist für evaluierende und modellierende Darstellung von Wirkungsketten charakteristisch und beschreibt zugleich die Herausforderung des „Social Impact Measurements“ (Streicher et al. 2020). Akteure in SI-Konstellationen benötigen genauso Ressourcen, Durchhaltevermögen und Experimentierfreude. Während in in technischen Innovationsprozessen Simulationen im Labor helfen, die Realisierungsbedingungen einer technischen Lösung zu optimieren, agieren SI direkt unter Live-Bedingungen. Scheitern ist hier ein öffentlich sichtbares Unterfangen, das zum Lernen wird (Willisch 2013). Auch für die Lausitz liegen erste Untersuchungen vor, die das Potenzial sozialer Innovationen untersuchen und auf ihre Bedeutung aufmerksam machen (Kollmorgen und Treffkorn 2019).

 

Die genossenschaftlich organisierte Energieversorgung und deren ganzjährige Anwendung in einer Realumgebung (Einbindung in ein Fernwärmenetz) als ökologische und gesellschaftlich nützliche Einbettung von Technik wird als neuartig und praktische Lösung gesehen (Schön, S., Eismann, C. et al. 2020). Wann und wie aber jene Aspekte, die in den Lebenswelten der Menschen als Defizite betont werden, die die Attraktivität von Lebensräumen einschränken oder für eine soziale Gruppe (z.B. Frauen) einschränkend erscheinen, durch soziale Innovationen bearbeitet werden, ist abhängig von konkreten Akteuren.

 

Wie auch technische Erfindungen lösen SIs nicht überall und allumfassend Herausforderungen, aber sie entwickeln wirksame Prototypen, die sich durchgesetzt haben und durch die das gesellschaftliche Wissen über Lösungspfade wächst. Was im technischen Verfahren die Skalierungsherausforderung ist, ist im sozialen Innovationsbereich der Transfer in vergleichbare Organisationsstrukturen und Praxisfelder. Aber auch das Umgehen mit un/intendierten Effekten und Folgen ist nicht nur eine Herausforderung der technologischen Innovationen (Mildenberger et al. 2020, Böschen und Sigwart 2020).

 

Einbettung in die Gesamtstrategie von Lausitz – Life and Technology

 

Das Projekt ist dem Innovationsfeld III zuzuordnen: Attraktive Bildungs-, Arbeits- und Lebenswelten und ist gleichzeitig mit den technisch-technologischen Innovationsfeldern I und II verknüpft. Dies entspricht dem strategischen Ziel der „Verzahnung“ in der erweiterten L&T-Strategie. Mit den expliziten Verzahnungsperspektiven durch das Projekt wird ein wesentlicher Impuls für das Bündnis erfolgen, indem eine deutliche Verbesserung der inter- und transdisziplinären Innovationskompetenzen bei allen involvierten Akteuren wie auch eine weitere Intensivierung der Kooperationsbeziehungen angestrebt wird. Ein weiterer Vorteil soll durch die Einbettung und Weiternutzung der Projektergebnisse im verstetigten Bündnis erfolgen. Dies soll durch die enge Zusammenarbeit mit dem Bündnismanagement gewährleistet werden. Wie können die Innovationsformeln kombiniert und die Lösungswege interdisziplinär und partizipativ geöffnet werden?

 

Die Projektinhalte werden zum Projektende ein weiteres regionales Alleinstellungsmerkmal für die Verstetigung des Bündnisses bieten, welches u.a. in der Beratung zur Verzahnung der Innovationsfelder und Kreation von komplexen Innovationclustern eingesetzt wird. U.a. durch:

 

  • Anerkennung vielfältiger innovativer Praktiken als Standort- und Wettbewerbsvorteil in der produktinnovativ starken Wirtschaftsregion Lausitz.
  • Entwicklung und Förderung der Innovationskompetenzen stärken das Bewusstsein für Partizipation und Teilhabe.
  • Steigerung der gesellschaftlichen Entwicklungen und Veränderungen hin zu einer sozial-ökologischen Wende; dies ist in der gegenwärtigen demografischen Lage der Lausitz nur realisierbar, wenn es gelingt, attraktive, pulsierende und innovationsstarke Milieus in den Arbeits- und Lebensweisen zu halten oder anzulocken. Dieses im Rahmen des Bündnisprojektes zu stärken, ist unser ausgesprochenes Ziel.
  • Wirkungs- und anwendungsorientierte Formate, die generations- und innovationsbereichübergreifende Bildungs- und Qualifizierungseffekte zeitigen sollen.

 

Vorstellung der Projektbeteiligten

 

Das TRAWOS Institut (Institut für Transformation, Wohnen und soziale Raumentwicklung) ist ein Forschungsinstitut der Hochschule Zittau/Görlitz und arbeitet seit vielen Jahren zu Transformationsfragen in der Stadt- und Regionalentwicklung am Beispiel der Lausitz. Insbesondere zu Mobilitätsprozessen; Migration und Integration sowie Sozialen Innovationen und Governancefragen in ländlichen Räumen und im Strukturwandel hat das TRAWOS Institut Expertise aufgebaut. Erfahrung in der wissenschaftlichen Begleitforschung (u.a. am IASS/RIFS Potsdam) sowie aktuell laufende BMBF-Projekte (Atraktiv und BePART) am TRAWOS-Institut untermauern die wissenschaftliche Expertise und strategische Forschungsarbeit im Feld innovativer Praktiken im regionalen Strukturwandel. Besonders folgenreich wurde das Thema des Verbleibs von Frauen in der Oberlausitz bearbeitet. Im Anschluss an eine wissenschaftliche Studie (2016) wurden die Erkenntnisse für Geschlechtergerechtigkeit und -Gleichstellung im und mit dem Landkreis Görlitz übersetzt. Heute begleiten wir Akteure und Partnern in der länderübergreifenden Lausitz für den Strukturwandel (u.a. Bündnis der kommunalen Gleichstellungsbeauftragten mit den Lausitzbeauftragten/Beauftragten für Strukturentwicklung) und entsprechende Formate entwickelt, die eine dauerhafte Strukturveränderung ermöglichen.

 

Die AQVA Synergy GmbH mit Sitz in Zittau ist eine im Aufbau befindliche Ausgründung des ILK Dresden (Institut für Luft- und Kältetechnik gemeinnützige Gesellschaft mbH) und plant die sukzessive Entwicklung von Unternehmens- / Wertschöpfungsstrukturen in der Lausitz.

 

Die im Jahr 2022 gegründete AQVA Synergy GmbH strebt einen Technologietransfer und somit die Industrialisierung der zukunftsträchtigen Gesamttechnologie „Wasser als Kältemittel“ an. Dabei richtet sich das Einsatzgebiet der Technologie sowohl auf die Dekarbonisierung von Industriestandorten als auch auf die Entwicklung von Quartierskonzepten und deren nachhaltige Versorgung mit Wärme / Kälte / Klima. Ziel des Unternehmens ist es, die industrielle Weiterentwicklung und den Vertrieb von auf dem natürlichen Kältemittel Wasser basierenden Energieversorgungslösungen sowie die entsprechende Projektabwicklung zu organisieren.

 

Durch den perspektivischen Umstieg auf eine nachhaltige und effiziente Wärmeerzeugung könnten in der Lausitz bestehende Infrastrukturen weiter genutzt und damit die gesamte Wertschöpfungskette in der Region gehalten bzw. sogar ausgebaut werden. Ebenfalls mit einem Wertschöpfungspotential bewertbar, gelingt es aktuellen Betreibern von bestehenden Fernwärmeversorgungen, insbesondere regional ansässigen Stadtwerken, ihr Geschäftsmodell für die Zukunft abzusichern oder gar auszubauen. Um diesen Transformationsprozess aktiv aus der Region heraus gestalten zu können, sind neue und vor allem marktfähige Versorgungskonzepte notwendig. Dazu zählt auch die Umweltfaktoren, Fachkräftesicherung, neue Arbeitsmodelle und Quartiersentwicklung: Wie können diese Aspekte in die Start-up Entwicklung integriert und als Teil des Betriebssystems entwickelt werden?

 

Aktuelles rund um das Projekt