Neuer Rahmen für soziale Innovationen

13. Juli 2022

Beim regio­na­len Struk­tur­wan­del stan­den bis­lang vor allem tech­no­lo­gi­sche Inno­va­tio­nen im Mit­tel­punkt. Stär­ker in den Fokus rückt nun auch die Not­wen­dig­keit sozia­ler Innovationen.

Um die­se Pro­zes­se gezielt zu för­dern, sol­len Bewer­tungs­kri­te­ri­en neu defi­niert, müs­sen Rah­men­be­din­gun­gen so struk­tu­riert wer­den, damit sozia­le Inno­va­tio­nen ent­ste­hen kön­nen. Wie kann die­ser gesell­schaft­li­che Wan­del opti­mal unter­stützt werden?

 

Die vier vom BMBF geför­der­ten WIR!-Bündnisse dis­ku­tie­ren wäh­rend des Work­shops die Fra­ge: Wie kann der gesell­schaft­li­che Wan­del opti­mal unter­stützt wer­den? © PRpe­tu­um GmbH / Johann Söder

 

 

Die­se Fra­ge war der zen­tra­le Tages­ord­nungs­punkt eines Work­shops an der Hoch­schu­le Zittau/Görlitz, zu dem vier geför­der­te Initia­ti­ven des BMBF-Pro­gramms „WIR! — Wan­del durch Inno­va­ti­on in der Regi­on“ ein­ge­la­den hat­ten. Gemein­sam mit dem BMBF und dem Pro­jekt­trä­ger Jülich brach­ten sie ihre Erfah­run­gen ein und dis­ku­tier­ten dar­über, wie man Sozia­len Inno­va­tio­nen in der Pra­xis mehr Raum ver­schaf­fen kann. An dem Gespräch nah­men Ver­tre­te­rin­nen und Ver­tre­ter­der vier WIR!-Bündnisse „Lau­sitz — Life & Tech­no­lo­gy (Ober­lau­sitz)“, „Vogt­land­pio­nie­re“, „Reco­mi­ne (Erz­ge­bir­ge)“, „Regi­on 4.0 (Ucker­mark)“ teil sowie als Gäs­te die WIR!-Bündnisse „Plan­t³ (Vor­pom­mern)“ und „I‑Ma-Tech (West­säch­si­sches Vogtland)“.

 

Alle fünf Regio­nen ste­hen vor immensen Her­aus­for­de­run­gen im regio­na­len Struk­tur­wan­del und es sind vor allem klei­ne Unter­neh­men, Ver­ei­ne und frei­be­ruf­lich Täti­ge, die sich in den Bünd­nis­sen enga­gie­ren. „Wo es um tech­no­lo­gi­schen Fort­schritt geht, geht es immer auch um sozia­le Pro­zes­se.“, unter­strich Pro­fes­sor Raj Koll­mor­gen, Pro­rek­tor für For­schung der Hoch­schu­le Zittau/Görlitz und zugleich Kon­sor­ti­al­füh­rer von „Lau­sitz — Life & Tech­no­lo­gy“.  Stan­den bis zur Wen­de ins 21. Jahr­hun­dert vor allem die tech­ni­schen Inno­va­tio­nen im Zen­trum öffent­li­cher Kom­mu­ni­ka­ti­on und För­de­rung, rücken nun die erfor­der­li­chen sozia­len Inno­va­tio­nen in den Fokus, so der Sozio­lo­ge. Die­se Ent­wick­lung, bestä­tig­te Leo­nie Lie­mich, spie­ge­le sich im Arbeits­all­tag der WIR!-Bündnisse wider. Als Pro­jekt­ko­or­di­na­to­rin von „Lau­sitz — Life & Tech­no­lo­gy“ spü­re sie die Her­aus­for­de­run­gen vor allem für die klei­nen Unter­neh­men und Insti­tu­tio­nen, die typisch für die Wirt­schafts- und For­schungs­land­schaft in der Ober­lau­sitz sei­en, deren per­so­nel­le Kapa­zi­tät und Res­sour­cen aber begrenzt sei­en. Raj Koll­mor­gen wies dar­auf hin, dass es sehr wich­tig sei, bei­spiels­wei­se in Zit­tau ein neu­es wis­sen­schaft­li­ches Insti­tut anzu­sie­deln. Die­se Ent­wick­lung habe aber auch sozia­le Kon­se­quen­zen und pro­vo­zie­re meh­re­re Fra­gen, z.B. : „Wie berei­tet man die Stadt, den Land­kreis und die Regi­on dar­auf vor? Wel­che Chan­ce haben Frau­en und Män­ner vor Ort auf einen Arbeits­platz? Mit wel­chen Mit­teln wer­den Kin­der und Jugend­li­che für die neu­en Mög­lich­kei­ten begeistert?“

 

 

Con­stan­ze Roth, Pro­jekt­ko­or­di­na­to­rin des WIR!-Bündnisses „Vogt­land­pio­nie­re“, griff die­se Fra­gen auf und erwei­ter­te den Blick­win­kel: „Unse­re Bünd­nis­part­ner, die sich u. a. mit Leib und See­le dafür ein­set­zen, leer­ste­hen­de, Denk­mal geschütz­te Gebäu­de mit neu­en inno­va­ti­ven Nut­zun­gen wie­der mit Leben zu fül­len: Das sind oft Ver­ei­ne, ehren­amt­lich enga­gier­te Män­ner und Frau­en und klei­ne mit­tel­stän­di­sche Unter­neh­men.“ Ihre pro­fun­de Kennt­nis der Regi­on und ihre Nähe zu den Her­aus­for­de­run­gen vor Ort prä­ge ihre Kom­pe­tenz und müs­se noch inten­si­ver genutzt wer­den. Die­sen in vie­len Regio­nen vor­han­de­nen Erfah­rungs­schatz möch­te sie noch stär­ker in die Zusam­men­ar­beit mit dem BMBF und dem Pro­jekt­trä­ger ein­brin­gen. Dazu reg­te sie an, die För­de­rung sozia­ler Inno­va­tio­nen mit spe­zi­el­len Kri­te­ri­en zu bewer­ten. Die vor­ran­gig öko­no­misch kon­zi­pier­ten Kri­te­ri­en­ka­ta­lo­ge für inno­va­ti­ve För­der­pro­jek­te müs­sen um eine sozia­le Dimen­si­on erwei­tert werden.

 

 

Ramón Kucharzak, Fach­re­fe­rent im BMBF, ver­wies auf einen Qua­li­täts­sprung, der mit der WIR!-Programmfamilie erreicht wur­de, da die­se För­de­rung sowohl die tech­ni­schen als auch sozia­len Dimen­sio­nen im Inno­va­ti­ons­ge­sche­hen in den Blick neh­me. Die von den WIR!-Bündnissen gemach­ten Erfah­run­gen im Arbeits­all­tag wer­den bei der Fas­sung neu­er För­der­pro­gram­me und bei der Fein­jus­tie­rung der aktu­el­len Zusam­men­ar­beit eine Rol­le spie­len. In Abstim­mung mit Tho­mas Rei­mann vom Pro­jekt­trä­ger schlug er vor, bei einem wei­te­ren Arbeits­ge­spräch spe­zi­fi­sche Lösun­gen zu fin­den, die eine wei­te­re erfolg­rei­che Arbeit der Bünd­nis­se ermög­li­chen. Dabei müs­se aber immer deut­lich wer­den, wel­chen Bei­trag das defi­nier­te Feld tech­no­lo­gi­scher und sozia­ler Inno­va­tio­nen für den Wan­del in einer Regi­on tat­säch­lich leis­ten kann, wel­ches Invest­ment die ein­zel­nen Part­ner erbrin­gen kön­nen und wie die­ser Pro­zess lang­fris­tig ver­ste­tigt wer­den kann.

 

Raj Koll­mor­gen von der Hoch­schu­le Zittau/Görlitz schloss die­ses mit gro­ßer Kom­pe­tenz, Neu­gier und Lei­den­schaft geführ­te Gespräch mit einem fast phi­lo­so­phi­schen Aus­blick. Bis­her sei­en tech­no­lo­gi­sche Inno­va­tio­nen fast immer in Kon­kur­renz­si­tua­tio­nen, im Wett­be­werb von Ideen und Pro­zes­sen, im Über­win­den von Rou­ti­ne ent­stan­den. Sozia­le Inno­va­tio­nen hin­ge­gen benö­tig­ten Koope­ra­ti­on, das Mit­ein­an­der von Ideen und den Aus­gleich von Inter­es­sen. Mög­li­cher­wei­se sei das Ver­bin­den bei­der Dimen­sio­nen eine wich­ti­ge Inno­va­ti­on im 21. Jahrhundert.

 

 

(Bei­trag erschie­nen auf www.innovation-strukturwandel.de des Bun­des­mi­nis­te­ri­ums für Bil­dung und Forschung)